Donnerstag, 19. Oktober 2017

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Navigationsgerät...

An einem schönen, frühherbstlichen Wochenende beschloss ich, einen guten Freund in Dortmund zu besuchen. Nach einer leicht enervierenden Fahrt über die Autobahn (das mit dem Reißverschlusssystem wird der Deutsche Bundesbürger wohl nie verstehen...) hatten wir einen tollen Samstag mit klebrigsüßen Donuts zum Mittag und bombastischen Burgern zum Abendessen. Nach einem gemütlichen Abend auf der Couch mit einem Mix aus sauren Stäbchen, Ben & Jerry's und Bionade Schwarze Johannisbeere-Rosmarin und diversen Tierdokus schlummerte ich glückseelig ein...

Am nächsten Morgen schienen schon die ersten Sonnenstrahlen ins Wohnzimmer und ich zückte mein Handy, um die Uhrzeit zu prüfen - ausschlafen soll ja erlaubt sein. Da aus dem Nachbarzimmer noch kein Laut zu hören war, habe ich ein bisschen gedaddelt und mich auf den neuesten Stand gebracht, was das Weltgeschehen anging, als auf einmal das Handy losdüdelte und meine Familie mich sprechen wollte. Es dauerte keine 3 Minuten bis ich noch immer nicht ganz wach, aber komplett angezogen aus dem dritten Stock des Altbaus die Treppen runter- und die Straße entlangflitzte. Drei Polizeibeamte standen am frühen Sonntagmorgen neben meinem Auto und erwarteten mich schon sehnsüchtig - und mir war innerhalb von Sekunden klar, was Sache war...
Neben einem Scherbenhäufchen auf dem Fußweg, war auch mein Auto voller Glassplitter und das Einzige, das fehlte, war mein Uralt-Navigationsgerät aus dem Jahre 2009. Das Navi mit dem nahezu defekten Akku, das nur dann länger als 20 Minuten funktioniert, wenn man es ans Kabel anschließt. Das Navi, das inzwischen mindestens 5 Minuten braucht, um ein GPS-Signal zu finden. Das Navi, das mit einem veralteten Kartensatz ausgestattet ist. Das Navi, dessen Touchscreen so unempfindlich ist, dass man schon fast Gewalt anwenden muss, bis man es dazu bekommt, das zu tun, was man möchte. Aber eben MEIN Navi. Die drei Gesetzteshüter nickten mitleidig und wissend, der einzige Mann in der Runde entfernte mit seinen schnittfesten Handschuhen noch dankenswerterweise grob die Glassplitter vom Sitz, riet mir aber beim Fahren doch eine Decke unterzulegen. Ach, nach Köln wollte ich? Na, das würde mit einer abgeklebten Scheibe ja nicht gehen und wäre sicher auch ein bisschen zugig auf der Autobahn - und dann verabschiedete man sich, da man ja das Notwendige getan habe und ließ mich verwirrt am Straßenrand stehen.
Immerhin war außer dem Navi absolut nichts entwendet worden - meine Sonnenbrille lag unangetastet in der Ablage und auch das Kleingeld war wohl uninteressant (wobei ich schon fast sicher bin, dass da mehr zusammengekommen wäre als für das Schrottnavi). Da sich inzwischen mein Schlafplatzzurverfügungsteller auch aus seinem Bett gequält hatte, flickten wir die Scheibe unter Zuhilfenahme von Mülltüten und Paketklebeband (man nimmt halt, was man hat!) notdürftig und ich stürzte mich nach einem kleinen und nicht ganz so entspannten Frühstück in das Versicherungschaos - dankenswerterweise haben wir da eine gute Police, sodass irgendwann auch der Abschlepper und das Ersatzauto organisiert waren und ich mich wieder auf den Weg nach Köln machen konnte. Das ganze Drama, das sich daran anschloss (Abschlepper, die nicht wissen, zu welcher Werkstatt das Auto soll; Zuständigkeiten bei den unterschiedlichen Abteilungen der Versicherung und Beinaheausraster meinerseits), erspare ich euch - Fakt ist, dass Carglass mir eine neue Scheibe eingesetzt hat und ich das Opferauto auch wieder aus Dortmund abholen konnte.

Was mich aber so erstaunt hat, waren die unterschiedlichen Reaktionen in meinem Umfeld auf den Einbruchdiebstahl: Neben Hilfsangeboten, Erstaunen, generellem Mitleid (teils aus eigenen Erfahrungen), Ungläubigkeit und Kopfschütteln kam auch das eine oder andere "Selbst schuld, wenn man das Navi im Auto lässt!". Ernsthaft? Selbst schuld? Wenn ich in meinem abgeschlossenen Fahrzeug etwas liegen lasse und dann jemand die Scheibe aus Sicherheitsglas einschlägt und etwas klaut, bin ich selbst schuld? Mir ist klar, dass ich das Navi hätte mitnehmen oder im Handschuhfach verstecken können, aber ganz ehrlich, ich bin nicht davon ausgegangen, dass dieses alte schrottige Ding bei irgendjemandem auf Interesse stoßen könnte (und in den letzten acht Jahren war das ja auch nicht der Fall). Und natürlich habe ich mich auch gefragt, ob ich "schuld" bin. Schuld daran, dass jemand eine Straftat begangen hat, sich mit Gewalt an meinem Eigentum vergangen hat - was für eine blöde Frage. Ich habe mein Auto ja nicht offen stehen lassen und ein großes Schild angebracht, auf dem "Bitte klau mein Navi!" stand.

Bin ich auch schuld, wenn ich im Erdgeschoss wohne und jemand in meine Wohnung einbricht? Oder wenn ich einen großen Fernseher habe, eine Musikanlage oder einen PC? Gar Geld in der Wohnung, vielleicht Schmuck oder Kunstgegenstände? Oder wenn jemand mein Fahrrad klaut - bin ich schuld, weil ich ihm so ein attraktives Fortbewegungsmittel vor die Nase gestellt habe? Wenn mir jemand mein Handy oder meinen Geldbeutel klaut - bin ich auch daran schuld? Das klingt mir zu sehr nach "na wenn du einen kurzen Rock anhast, musst du dich ja nicht wundern, wenn du belästigt wirst..." - und ich muss ehrlich sagen, dass wir nicht ohne Grund in einem Rechtsstaat leben, der gewisse Grundrechte zuspricht und gewisse Standards vertritt. Auch wenn ich meinen Pkw von innen mit 500€-Scheinen beklebt hätte - gibt das irgendjemandem das Recht, in das Auto einzubrechen? Natürlich nicht! Und selbst, wenn das Auto nicht abgeschlossen wäre, hat niemand das Recht, Dinge aus dem Fahrzeug zu entwenden.

Es ist zwar nicht wirklich Schlimmes passiert - außer der Tatsache, dass mich das Ganze Geld, Zeit und Nerven gekostet hat, habe ich keine körperlichen oder ernstzunehmenden seelischen Schäden zu beklagen; aber ich finde es bedenklich, dass so mancher die Verantwortung für eine Straftat eher beim Geschädigten sucht als bei demjenigen, der die Grundrechte eines Anderen verletzt hat...

Kommentare:

  1. Das Theater hatte mein Freund vor einiger Zeit auch durch. Geklaut wurde dann das Navi (bisschen neuerer als deins aber weit davon entfernt modern zu sein), Straßenkarten (Wtf?), ich glaub es waren ungefähr 10 Pound und der USB Stick, der nicht mehr funktioniert.

    Da kamen auch Reaktionen von "Wtf? Really!?" über Mitglied bis "na bist ja selbst Schuld, wenn du dein Navi so drin lässt und offen Geld liegen hast" (ja, Kleingeld im Wert von 10 Pound sind auch so verlockend).

    Es hat niemand das Recht sich an irgendwas oder irgendwem zu vergreifen und dann anschließend dem Opfer noch die Schuld zu geben. Die Schuld ist beim Täter zu suchen egal ob Diebstahl, Einbruch, Körperverletzung oder Vergewaltigung. Es heißt ja nicht umsonst "Täter" und "Opfer".

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  2. Diese Mentalität, Opfer zu beschuldigen, finde ich auch einfach nur ekelhaft...

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    1. Und das greift leider immer mehr um sich! Egal um welche Straftat es sich handelt, meist wird dem Opfer eine Mitschuld gegeben....zum "An-die-Decke-gehen", aber ein Zeichen dafür, wie es um diese Gesellschaft bestellt ist...

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  3. Wir sind ganz unten angekommen, oder nicht? Es ist wirklich jämmerlich, wie oft mir auffällt, dass Menschen dieser "Grundbausatz" an Verhaltensregeln fehlt, der für ein paar wenige als selbstverständlich gilt. Es tut mir wirklich leid, dass du wegen solcher Person(en) so einen Ärger hattest. :*

    Irgendwann setzen wir uns durch mit den fehlenden Warnhinweisen. Des Seelenfriedens Willen. So.

    LG Lotte

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  4. Bei diesem "selbst schuld" platzt mir echt der Kragen...
    Nein! Einfach nein!
    Das Beispiel mit den "Auch wenn ich meinen Pkw von innen mit 500€-Scheinen beklebt hätte - gibt das irgendjemandem das Recht, in das Auto einzubrechen?" - eben so!
    Und wenn du das Auto unabgeschlossen stehen gelassen hättest - es gibt niemandem das Recht, einzubrechen. Straftaten werden so oft bei den Opfern begründet, das kotzt mich einfach an. Egal ob 500€-Scheine, kurzer Rock oder offene Wohnungstür.

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