Montag, 12. Dezember 2016

David Lagercrantz nach Stieg Larsson - Verschwörung

Ich habe ja lange mit mir gehadert, ob ich den vierten Teil der Millennium-Trilogie (jaja, an dieser Stelle erkennt man durchaus schon den Fehler im System) tatsächlich lesen will - zumal er eben nicht von Larsson geschrieben wurde, sondern aufgrund seines Manuskripts von David Lagercrantz. Ich fand "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" ja wirklich sehr gut und wäre weiteren Geschichten um Lisbeth und Mikael sehr aufgeschlossen - aber ob ich sie aus einer anderen Feder auch gut finden würde...?
Im Vorfeld Rezensionen zu lesen, hat mich auch nicht wirklich weiter gebracht - von Lobliedern bis zu Hasstiraden gibt es die komplette Bandbreite an Meinungen. Wenig verwunderlich, wenn es auch bei Larsson schon polarisierende Ansichten gab, aber wenn jemand das Werk eines anderen Autors fortführt, kann es nicht bei allen Fans auf Gegenliebe stoßen. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn auch eher skeptisch war - der Einstieg fiel mir etwas holprig aus, sprachlich ist "Verschwörung" nämlich eine ganz andere Sache als die bisherigen Millennium-Romane. Es ist gar nicht so einfach, das zu beschreiben - aber von Mikael und Lisbeth zu lesen fühlte sich irgendwie komisch und ungewohnt an und ich habe mich kurz gefragt, ob die beiden mit anderen Namen nicht besser dran gewesen wären.

Von den rein sprachlichen Unterschieden machen sich auch in der Charakterbeschreibung deutliche Abweichungen bemerkbar - zwar sind wir noch immer bei Mikael, dem Journalisten und Lisbeth, der Hackerin, aber Mikael fehlt irgendwie der Drive und Lisbeth ist dafür eine Superheldin deluxe. Die Aufhänger sind zwar die richtigen - Mikael und Millenium sind (mal wieder) in einer Krise und müssen zusehen, wie sie sich über Wasser halten; Lisbeth ist noch immer fleißig auf Datenautobahnen unterwegs und übt Selbstjustiz. Diese Tatsachen bringen die beiden auch wieder um eine Ecke zusammen - ein führender Forscher im Bereich der künstlichen Intelligenz wird ermordet, nachdem er einen Termin mit Blomqvist ausgemacht hat und genau zu diesem Forscher hatte auch Lisbeth längeren Kontakt...

Wie Lisbeth und Mikael wieder zueinanderkommen, hat eine gewisse Raffinesse und erinnert sogar ein kleines bisschen an Larsson - allerdings bekommt die Story dann einen etwas abgefahrenen Dreh. Lisbeth legt sich nicht nur mit den Behörden in den USA an und mischt die NSA auf, sondern entdeckt auch noch ihre soziale Ader und rettet den autistischen Sohnemann des ermordeten Wissenschaftlers. Dass unsere verschrobene Protagonistin auf einmal mit einem Kleinkind klarkommt, ist das eine - dass sie allerdings nahezu übermenschliche Kräfte entwickelt und sich auch von Schussverletzungen nicht unterkriegen lässt, kommt schon eher einem schlechten Actionthriller nahe als einem Larsson, wie wir ihn kennen (immerhin waren die Szenen so bildhaft beschrieben, dass ich sie mir in einer Verfilmung hervorragend vorstellen könnte). Im Gegensatz dazu trumpft Blomqvist schon fast mit langweiliger Trantütigkeit auf, obwohl er durchaus auch in die eine oder andere brenzlige Situation gerät - die feinsinnige Spritzigkeit, die er entwickeln konnte, fehlt hier leider.

Die Nebenschauplätze, die Lagercrantz eröffnet, sind durchaus interessant und geschickt gestaltet - aber einfach auch ein bisschen drüber, sodass ich mir ob der vielen Extreme teilweise wie in einer Persiflage der eigentlichen Geschichte vorkam. Nichtsdestotrotz liest sich "Verschwörung" flüssig und schnell weg, ist weitestgehend kurzweilig und wartet nicht mit unnötigen Längen auf - aber es ist eben auch kein Larsson, Mikael und Lisbeth sind irgendwie nicht "richtig" und auch das Ende fand ich nur bedingt zufriedenstellend... Sicherlich endet die Story mit diesem Buch nicht gar so mittendrin wie nach dem dritten Teil von Larsson, aber das wahre Ende für die beiden ist es aus meiner Sicht auch nicht. Wenn mich jemand fragen würde, ob das Buch lesenswert ist - ich wüsste keine wirklich gute Antwort: Es handelt zwar von den bekannten Protagonisten und spielt in ihrer Welt, ist aber doch ganz anders gestaltet, als man es gewohnt ist. Ich bin hier also etwas zwiegespalten, bereue die Lektüre aber keinswegs.

"Verschwörung" wurde mir freundlicherweise von Heyne zur Verfügung gestellt.

Kommentare:

  1. Liebe Lena,

    vielen Dank für Deine differenzierte Review. Genau wie Du hadere ich schon lange damit, mir den 4. Teil der Triologie zu kaufen. Aber die teils sehr schlechten Rezensionen haben mich bisher davon abgehalten. Aber ich glaube, ich werde es wagen und mir die E-Book-Version für meinen Kindle runterladen.

    LG, Claudia

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  2. Ich ringe auch noch mit mir. Ich fand die Originale gut und finde das, was hier gemacht wurde.. grenzwertig, sagen wir es mal so.

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  3. Ich stimme dir zu. Hab es gelesen und fand es auch nicht schlecht, aber es ist einfach eindeutig kein Larsson mehr. Lagercrantz gebe ich allerdings mit einem anderen Roman mal noch eine Chance.

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