Montag, 18. April 2016

Der verräterische Rückspiegel

Schon während der Fahrschulzeit hat mein Fahrlehrer immer angemacht, dass es nichts Wichtigeres gebe, als in die Rück- und Außenspiegel zu schauen, um den Verkehr immer im Auge zu behalten. Anscheinend habe ich mir das schon früh zu Herzen genommen, denn ich bin definitiv ein Spiegelgucker vor dem Herren - und da ich momentan auch viel mit dem Auto unterwegs bin, habe ich auch mehr als genug Gelegenheiten, um mich köstlich über das zu amüsieren, was ich da so sehe...

Klar, ab und an schaut man selber auch mal in den Rückspiegel, um zu checken, ob die Frisur sitzt, ob man gerade eine Wimper im Auge hat, der Lippenstift verschmiert ist oder das Blush nicht doch ein bisschen zu intensiv ist. Meistens schaue ich aber in den Rückspiegel, weil der Blick nach vorne sich nicht verändert und so langsam langweilig ist, der Blick nach hinten allerdings noch wichtige Informationen liefern könnte. Auf der Autobahn ist das nur mäßig spannend, der Rückspiegel verrät mir, ob gerade jemand intensiv versucht, die Schrift auf meiner HU-Plakette zu entziffern, irgendein Irrer mit 250 Sachen auf der linken Spur angeschossen kommt oder mal wieder ein Horst nicht weiß, wie er seinen Blinker zu nutzen hat, bevor er sich in die viel zu kleine Lücke vor einem anderen Auto schiebt...

Aber im Stau (und auch den darf ich leider zu meinem Missfallen in letzter Zeit mehr als auskosten) passieren dann doch immer mal wieder interessante Dinge - und gerade da sind die Spiegel die einzige Abwechslung, da man nach vorne einfach nur rote Rücklichter sieht. Ab und an liefern die Spiegel die wichtige Information, dass gerade ein Rettungs- oder Abschleppwagen versuchen, durch die nicht vorhandene Rettungsgasse zu fahren (wird das in der Fahrschule nicht mehr gelehrt oder wieso weiß das kaum noch einer?), aber sonst ist da meistens der übliche Wahnsinn zu finden: Die Fahrerin, die die Gelegenheit nutzt, mal fix ihren Lippenstift nachzuziehen, Mascara nachzulegen oder sich die Haare noch etwas hochzutoupieren. Der Geschäftsmann, der genervt in seine Freisprecheinrichtung gestikuliert (ganz besonders intensiv und ich frage mich immer, ob der wohl einen Videochat hat? Aber dann starrt er doch die ganze Zeit nur geradeaus..), die Krawatte zurecht rückt und vielleicht nochmal den Laptop auf dem Beifahrersitz bedient.

Dann gibt es noch die Generation, die einfach ihr Taschenbuch oder den Kindle aus dem Rucksack holt und den gemütlich auf dem Lenkrad platziert; die junge Familie, die die Gelegenheit nutzt, die Kiddies auf dem Rücksitz mit Spielzeug, Säftchen und Gummibärchen zu versorgen; die Rentner, die leicht konsterniert nur nach vorne starren und es vorziehen, lieber nicht miteinander zu reden, sondern es sich mit den Nackenhörnchen gemütlich zu machen; diejenigen, die genüsslich in ihr Sandwich beißen, sich die Minitomaten in den Mund werfen und an ihrem Coffee to go schlürfen; das junge Pärchen, das die Situation nutzt, um nicht nur liebevolle Worte, sondern auch Körperflüssigkeiten auszutauschen (und darüber natürlich vergisst, dass man mal weiterfahren sollte, wenn es vorwärts geht und daraufhin ein Hupkonzert auslöst) und dann gibt es noch die Dinge, die man wirklich nicht sehen wollte.

Zum Beispiel die Leute, die sich ihre Pickel mit Hilfe des Rückspiegels ausdrücken. Oder der erwachsenen Mensch beim Nasepopeln. Und damit meine ich nicht das verschüchterte Abwischen der Nase oder ein leichtes Reiben, nein, ich meine den Kerl, der sich den kleinen Finger bis zum Ansatz in das Nasenloch steckt und darin herumstochert, als ob es dort Gold zu finden gäbe. Dann den Finger herauszieht - und ja, die meisten wissen wohl, was jetzt kommt - den Popel am Finger anschaut und ihn sich genüsslich in den Mund steckt. IGITT! Sowas will ich ja wirklich nicht sehen - vor allem, wenn er dann noch den Finger ableckt und ihn gleich wieder ins Nasenloch befördert, um weiter nach Gold oder Öl zu bohren. Mal ehrlich - ja, wir sitzen IM Auto. Ja, es interessieren sich eher wenige Leute dafür, was in dieser Blechschüssel vor sich geht, die meisten sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt - aber dann sämtlichen Anstand verlieren und vergessen, dass man doch im öffentlichen Raum ist? Muss das denn sein?

Ich meine, ich bin auch peinlich  beim Autofahren, gröhle falsch zu lauter Musik mit, wackele grendzebil vor mich hin (weil tanzen geht im Auto ja schlecht) und rege mich über dämlich fahrende Menschen auf - aber trotzdem weiß ich, dass ich da praktisch in einem Glaskasten durch die Gegend fahre und mich nicht total daneben benehmen sollte... Bei Kindern verstehe ich ja Nasepopeln noch (meine aber auch, mich intensiv zu entsinnen, dass die Eltern dann immer versuchen, den Zwergen das abzugewöhnen - vor allem in der Öffentlichkeit), aber bei erwachsenen Menschen, die das sicherlich nicht mitten auf dem Marktplatz auch tun würden? Also ehrlich... Und das Schlimme ist - man sollte ja trotzdem weiterhin in den Rückspiegel gucken, auch wenn man da manchmal Dinge sieht, die einem dann partout nicht aus dem Kopf gehen...

Kommentare:

  1. Ahahaha :D wunderbar. Der Nasepopler...boah bäääh! Ich habe das auch schon beim Fahren gesehen, als ich Beifahrer war. Das war allerdings auf ner Kreuzung beim vorbei fahren, da musste man das natürlich nicht so detailliert sehen....aber trotzdem pfui

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    1. Ja, bäh trifft's ganz gut - ich hab' ja gedacht, ich seh nicht recht... Aber wenn man da so an der roten Ampel oder im Stau steht, gibt's einfach auch nichts anderes, was man sich anschauen könnte...

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  2. Mein Fahrlehrer hat mal gesagt, das er nichts mehr dazu sagte, wenn sich eine Frau den Lippenstift nachzieht, seit er einen Mann gesehen hat der sich an einer roten Ampel rasiert hat :)
    Aber stimmt man sie echt nee Menge komischer Dinge:)
    LG

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    1. Mit nem Elektrorasierer kann ich mir das sogar vorstellen - mal davon abgesehen, dass das Müll macht ^^ Man kann da schon seltsame Dinge sehen und auf manche würde man danach lieber verzichten :P

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  3. Mhhhm lecker! :D
    Vielen Dank, jetzt muss ich an deinen Post denken, wenn ich das nächste Mal im Stau stehe, und dann ist es nicht mehr ganz so langweilig. :D

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    1. Ich hoffe ja, dass du dir das dann nicht live anschauen musst - aber wenn's dich ein bisschen von der Staulangeweile ablenkt, ist das ok :P

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  4. Die Nasenpopler sind ja irgendwie normal, solchen hatte ich neulich auch schön in der Bahn. Lecker. :D

    Geil find ich auch die Selfie Leute, die sich dann erstmal im Auto dreitausend Mal knippsen.

    Bzgl. der Rettungsgasse: ich hab das ehrlich gesagt nicht mehr in der Fahrschule 2008 gelernt. :-O Ich hab davon nur erfahren, weil RTL in Österreich ein Video darüber veröffentlicht hat, dass die Rettungsgasse Menschenleben retten kann.

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    1. Uäääh in der Bahn? Das is ja noch ekliger! Oh, Selfie-Leute habe ich jetzt noch nicht so viele gesehen, aber ich werde künftig darauf achten :P

      Ernsthaft? Man lernt die Rettungsgasse nicht mehr? Oo Das ist irgendwie bedenklich...

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  5. Haha... Mein Fahrlehrer hat mich mal gefragt, ob ich mich hübsch finde. Und naja, was antwortet man auf so eine Frage - man drukst herum und sagt dann "ja, schon eigentlich" und er antwortet daraufhin: "Und warum guckst du dann nicht ab und an mal in den Spiegel?" :P Ich bin auch ein fleißiger Spiegelgucker, gerade auf der Autobahn, weil ich einfach gern weiß, was und wo sich da um mich herum abspielt. ;)

    LG Lotte

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    1. Hihi, mit dem Spruch hat er sicher viele Mädels zum Spiegelgucken gekriegt :P Wobei man ja auch richtig gucken muss - alle 30 Sekunden den Lippenstift kontrollieren ist da wenig sinnvoll :P Ich finde auch, dass gerade auf der Autobahn die Spiegel so viel mehr verraten als der Blick durch die Frontscheibe - da bleibt ja meistens alles gleich...

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  6. Ich habe gestern auch wieder mal ne Weile im Stau gestanden, die Menschen um mich rum haben sich aber angemessen verhalten :D Ich selbst laufe auch nicht in Gefahr rumzupopeln, denn mir ist bewusst, dass mein Auto Glasscheiben hat. Aaaaaaber, dass es nicht schalldicht ist, man mich also Texte falsch mitkrakelen hört, das wurde mir erst klar, als meine Mutter in meinem Auto saß, ich daneben stand und gut hören konnte wie sie meiner Oma was erzählte. Tolle Wurst :D Hält mich dennoch nicht vom singen ab.

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    1. Ja, man hört direkt neben dem Auto noch gut, was drinnen los ist - außer, man sitzt selber in einem Auto und hat da noch Motorlärm etc. bei. Man sollte nur nicht allzu laut über den Nebenfahrer lästern, das könnte der tatsächlich hören... Beim Singen hab ich ja auch noch Musik an, das übertönt sicher :P

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  7. ....ieks!
    Ja, manche Menschen vergessen einfach, dass das Auto irgendwie doch öffentlich ist, auch wenn es scheinbar ein abgeschlossener Raum ist :D

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    1. Ja, lecker war das echt nicht... Aber gut, irgendwas wird sich dieser Mensch schon dabei gedacht haben... Vielleicht ^^

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