Montag, 15. Februar 2016

Bedenke, was du tust - Elizabeth George

Nachdem es 2014 keinen neuen Lynley-Band gab, habe ich die Veröffentlichung von "Bedenke, was du tust" Ende 2015 fast verpasst und bin eigentlich nur zufällig in der Auslage einer Buchhandlung über das Buch gestolpert. Mit dem vorangehenden Band der Serie war ich ja doch sehr unzufrieden und habe auch kurz gegrübelt, ob ich mich an den neuen rantrauen soll - aber nachdem meine Oma immer dankbar über Geschenkvorschläge ist, durfte es schließlich mit. Irgendwie wollte ich ja doch wissen, wie es mit meinem ursprünglichen Traumermittlerpaar Lynley und Havers weitergeht - nach über einem Jahrzehnt hängt man ja doch etwas an den Charakteren.
Ich war also recht skeptisch und habe mir darum auch etwas Zeit gelassen, bis ich mich an diesen Wälzer (immerhin 700 Seiten!) getraut habe - nochmal wollte ich nämlich nicht enttäuscht werden, denn dann hätte ich mich ernsthaft von Lynley und Havers verabschieden müssen. Aber "Bedenke, was du tust" hat mich doch ein bisschen versöhnlich gestimmt und die beiden haben sich einen Aufschub verdient - Elizabeth George hat nämlich wieder ein kleines bisschen die Kurve gekriegt und sich wieder etwas deutlicher auf einen Fall konzentriert.

Mit einem gut 150seitigen Vorgeplänkel stellt Elizabeth George erst einmal das Umfeld des Mordopfers, der feministischen Bestsellerautorin Clare Abbott, vor und rückt damit die Assistentin Caroline Goldacre und ihre Familiengeschichte in den Vordergrund. Caroline, die im ersten Moment wie der Gutmensch schlechthin aussieht, stellt sich schnell als verlogenes, kontroll- und geltungssüchtiges Biest heraus - Sympathiepunkte sind hier fehl am Platz, obwohl sie sehr unter dem Verlust eines ihrer Söhne zu leiden scheint (hier wäre zwar theoretisch Platz für Mitleid, aber dazu ist Caroline einfach zu unsympathisch). William's Selbstmord ist aus Caroline's Sicht die Schuld seiner damaligen Freundin - die ihrerseits seine Mutter in der Verantwortung sieht... Eigentlich bekommt man als Leser in dieser Vorgeschichte schon einige Hinweise auf den Mörder, sodass die Kernfrage im Verlauf der Geschichte eigentlich eher das "Warum?" denn das "Wer?" ist.

Eigentlich bin ich ja bei der Serie hängen geblieben, weil Lynley und Havers die absoluten Cracks darin waren, Besonderheiten in den Fällen aufzudecken. Leider bleiben sie beide hier blasser als ich es mir gewünscht hätte. Havers wurde von Ardery an die Kandare gelegt und ist gezwungen, einen auf brave Polizistin zu machen, um nicht ans Ende der Welt versetzt zu werden - vermutlich in Kombination mit den privaten Tragödien der letzten Bände führt das dazu, dass sie ihren Esprit und Pepp komplett verloren hat. Zwar blitzt an einigen Stellen so etwas wie ein rebellischer Geist auf (der ist es auch, der sie mit dem späteren Opfer zusammenbringt), bleibt aber so weit im Hintergrund, dass mir die Besonderheiten fehlen, die Havers früher ausgemacht haben. Ich habe ja viel Verständnis für Charakterentwicklung und Reaktionen auf tragische Ereignisse, aber aus dem aufmüpfigen, aber auch ehrlichen "Arbeiterkind" eine angepasste Langweilerin zu machen, kann ja nicht wirklich das Ziel sein. Genau da steuert Havers allerdings drauf zu, da helfen auch einige verbale Entgleisungen während der Ermittlungen nicht (und passen auch nicht wirklich zu ihr).  Mir scheint es ein bisschen so, als wolle die Autorin sich auf eine tiefgründige Ebene begeben, die sie allerdings komplett verfehlt - denn Barbaras Innenleben steht nun wirklich nicht im Vordergrund.

Ein bisschen anders sieht es da mit Lynley aus, den hat es nämlich noch schlimmer erwischt: Nur am Rande an den Ermittlungen beteiligt, scheint seine Daseinsexistenz in der Auseinandersetzung mit Ardery zu beruhen. Sämtliche Versuche, sie von Barbaras Kompetenz zu überzeugen (Lynley ist es nämlich auch ein Dorn im Auge, dass die ehemals wache und fähige Ermittlerin inzwischen nur noch nach Schema F arbeitet und damit weit hinter ihren Möglichkeiten bleibt) schlagen fehl und ehrlich gesagt fand ich die Diskussionen mit seiner Exgeliebten ziemlich mühsam. Sowohl beruflich als auch privat tritt der Inspector ganz schön auf der Stelle, denn obwohl seine Tierärztin Daidre inzwischen in London wohnt, hat sich die Beziehung der beiden nicht so recht weiterentwickelt. Lynley hadert also mit sich und seinem Leben und ich hadere mit seiner Entwicklung - denn da passiert nicht wirklich viel und das scheint auch noch alles von außen beeinflusst zu sein.

Was das Buch für mich am Leben gehalten hat, war letztlich doch der Fall, der mit seinen Verstrickungen eine gewisse (oder eher eine gewaltige) Tragik inne hatte. Die Seitenstränge, die hier keineswegs so dominant und nervig wie im vorangehenden Band waren, machen die Geschichte interessant, auch wenn ihnen die Finesse alter Lynley-Fälle fehlt. An einigen Stellen wird die geschickte Vermischung der sozialen Umstände mit individuellen (Fehl-)Entscheidungen sowie Schicksalsschlägen zwar angedeutet, aber viele weitergehende Schlüsse bleiben doch dem Leser überlassen. Was früher Georges Stärke war, nämlich ein psychologisch raffiniert aufgebautes Motiv, ist in diesem Fall eher platt geraten - nicht schlecht, aber eben auch nicht so gut wie ich es von den frühen Geschichten gewohnt bin. Sicherlich ist dieser Band deutlich besser als der vorangehende, aber irgendwie scheint es, dass das Ermittlerpaar seine beste Zeit hinter sich gelassen hat und die Story jetzt nur noch dahinsiecht...

Kommentare:

  1. Ich bin ja eh kein Krimileser und das Buch hört sich nun auch nicht wirklich überzeugend an. :D

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    1. Besser als der vorhergehende Band der Reihe - aber noch lange nicht so gut wie die frühen, leider... Ich lese die Reihe ja jetzt doch schon recht lange und es tut mir echt um die tollen Charaktere leid, die irgendwie versauern :(

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