Montag, 21. September 2015

Engelskalt - Samuel Bjørk

Ich scheine mit meiner Tendenz zu skandinavischen Autoren gar nicht so untrendy zu sein - "meine" Buchhandlung hat nämlich kürzlich extra eine Ecke (oder eher eine Wand) eingerichtet, in der vorwiegend  norwegische und schwedische Bücher stehen. Da stöbere ich ganz gerne - und halte dann meistens zweite oder dritte Bände in der Hand, dafür scheine ich ein Talent zu haben! Bei "Engelskalt" ist das aber anders, das ist nämlich das Erstlingswerk von Samuel Bjørk, oder eher Frode Sander Øien, der unter diesem Pseudonym seinen Thriller veröffentlicht hat. Ich fand den Klappentext ansprechend und muss sagen, dass mich auch der Rest der Geschichte überzeugt hat.
Allerdings könnte man beim Lesen doch vermuten, dass es sich hier durchaus um eine Fortsetzung handelt (und ich habe das auch zwischendurch nochmal nachgegooglet, um wirklich sicher zu sein), denn das Ermittler-Duo hat schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Holger Munch (Kategorie erfahrener Ermittler der Störenfried-Sorte mit verpatztem Familienleben, aber dem Herz am rechten Fleck) und Mia Krüger (Kategorie grenzgeniales Ermittler-Wunderkind mit tragischer Vergangenheit und angeknackster Psyche) haben nämlich schon zusammengearbeitet und es fällt der eine oder andere Verweis darauf. Teilweise fand ich das etwas irritierend und war mir eben nicht sicher, ob ich nicht schon einen Band verpasst habe, aber so bekommen die Charaktere auch ein bisschen mehr Hintergrund.

Als Aufhänger des Buches dient ein Mord an einem Kind, das in Schulsachen gekleidet in einem Baum aufgehängt gefunden wird - sicherlich nicht gerade der harmloseste Fall und das Kopfkino schaltete sich da bei mir sehr schnell ein. Munch nimmt daraufhin Kontakt zu Mia auf, die sich auf eine einsame Insel abgesetzt und eine intensive Freundschaft zu Pillchen und Alkohol aufgebaut hatte (die angeknackste Psyche dürfte hier deutlich werden, oder?). Der Fall reizt Mia allerdings, sodass sie ihre Pläne aufschiebt und für diesen einen Fall wieder in den aktiven Dienst tritt - sie vermutet nämlich noch weitere Opfer...

Und damit liegt sie natürlich richtig, ansonsten wäre der Plot wohl recht kurz geraten. Das Ermittler-Team um Munch und Mia sieht sich mit einem grausamen Monster konfrontiert, das kleine Kinder entführt und schließlich grausam umbringt - Vermutungen zufolge sollen es sogar 10 werden. Der Killer spielt aber auch mit den Medien ein grausames Spiel und obwohl die Bildsprache an und für sich gar nicht so grausam ist, ist "Engelskalt" sicher kein Buch für zarte Seelen. Ich hatte schnell sehr klare Bilder im Kopf (das macht aber auch einfach einen guten Autor aus!) und fand die Geschichte gut konstruiert und dargestellt - aber sie hat halt auch ein gewisses Gschmäckle.

Daran sind auch die Protagonisten "schuld", denn sie sind beide alles andere als strahlende Helden, sondern haben selbst mit mehr als genug Problemen - vorwiegend persönlicher Natur - zu kämpfen. Dennoch sind mir beide sehr sympathisch geworden, auch wenn ich Mia besonders anfangs schon fast ein bisschen sehr nervig fand. Sie mausert sich aber mit der Zeit, gewinnt auch einiges an Komplexität und wird dadurch nachvollziehbarer und Munch fand ich von Anfang an klasse (ich hab's wohl einfach mit diesen älteren, etwas abgewrackten Ermittlern). Bjørk schafft es hier wirklich gut, zwei komplexe Persönlichkeiten mit ihren Eigenheiten darzustellen, aber nicht übermäßig in den Mittelpunkt zu rücken und trotzdem beim Fall zu bleiben.

Man braucht vielleicht ein bisschen, um mit der Sprache und dem Erzählstil (und vielleicht auch dieser sehr klaren, eindeutigen Art, die die Skandinavier so an sich haben) warm zu werden und die unterschiedlichen Handlungsstränge machen einem zu Beginn das Leben auch nicht zu leicht -  aber es lohnt sich definitiv. Nicht gar so die platte, einfache und vorhersehbare Geschichte, aber das macht ja auch den Reiz aus. Ich hätte definitiv gerne mehr! 

"Engelskalt" wurde mir kosten- und bedingungslos von Goldmann zur Verfügung gestellt.

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