Dienstag, 21. April 2015

Toller Dampf voraus - Terry Pratchett


Oh Mann, was habe ich Terry Pratchett mit seinen grandiosen Scheibenweltromanen lieben gelernt - und wie traurig war ich, als er vor einigen Wochen nach langer Krankheit verstorben ist (im Übrigen scheint 2015 ein böses Jahr zu sein, nach Leonard Nemoy auch noch Terry Pratchett...). "Toller Dampf voraus" ist eines der aktuellsten Scheibenweltbücher und ich war wahnsinnig gespannt, was es zu bieten hätte - zumal es wohl auch eines der letzten sein wird. Obwohl auf dem Titel dick und groß Terry Pratchett steht, verrät der kleine Copyright Hinweis "Terry & Lyn Pratchett" - zugegebenerweise ist es nicht verwunderlich, dass der Meister selbst ob seines Zustandes ein wenig Hilfe brauchte, aber hier kam mir schon der Gedanke, dass man da nicht mit ganz offenen Karten spielt...
Und gerade, weil ich Pratchett sonst so gerne mag, fällt es mir wahnsinnig schwer, die passenden Worte zu "Toller Dampf voraus" zu finden, denn der Roman bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, die ich an ihn hatte. Irgendwie fehlen mir hier die Leichtigkeit der anderen Geschichten, der Wortwitz, Esprit und die Selbstverständichkeit der Verrücktheiten, die diese Welt so liebenswürdig und vor allem herzerwärmend und lustig gemacht haben. "Toller Dampf voraus" spielt zwar in der Scheibenwelt, aber irgendwie nicht in DER Scheibenwelt, in die es eigentlich gehören würde - falls mich irgendjemand versteht...

Obwohl das Buch über 440 Seiten hat, habe ich mich nach 160 gefragt, was denn da jetzt bitte noch kommen soll - gefühlt war die Geschichte da nämlich schon fertigerzählt. Nach einer kleinen Flaute kam dann tatsächlich noch weiterer, neuer Inhalt, der die Spannung wieder etwas erhöht hat - aber so eine Lesemüdigkeit hatte ich bei Pratchett bisher noch nie! Wie man aufgrund des Namens und auch des Titelbildes schon vermuten kann, bekommt die Scheibenwelt jetzt eine Eisenbahn und natürlich läuft das alles ein bisschen scheibenwelttypisch-ungewöhnlich ab. Natürlich spielt Feucht von Lipwig wieder eine zentrale Rolle - neben Post, Bank und Münzamt hat der gute Feucht anscheinend zu wenig Freizeit, also bürdet ihm Vetinari auch noch die Organisation der Eisenbahnstrecke auf...

Eigentlich spricht das für eine wundervolle Geschichte mit tollen Charakteren (ich liebe Feucht! Und Vetinari!), die aber leider ein bisschen blass bleiben und leicht hölzern wirken. Irgendwie eben nicht so typisch, wie sie sein sollten - ob das nun an der Übersetzung liegt oder an der Originalgeschichte, kann ich nicht beurteilen, aber es verdirbt einem ganz schön den Spaß am Lesen. Kennt man die vorangehenden Scheibenwelt-Romane nicht, liest sich das Buch vielleicht ganz gut, aber wenn man auch nur ein bisschen Ahnung von der Scheibenwelt hat, vergeht einem wirklich schnell die Freude. Geschmunzelt habe ich an einigen wenigen Stellen, wirklich gelacht gar nicht - ein paar nette "Aha"-Momente hatte ich durchaus, wenn bekannte Charaktere auftraten, aber der Funke der Scheibenwelt fehlt...

Es tut mir ja in der Seele weh, aber "Toller Dampf voraus" ist keinesfalls ein Roman, der Lust auf die Scheibenwelt macht, sondern eher einer, der abtörnt... Und das ist so wansinnig schade, da diese wundervoll verrückte Welt eigentlich der Traum eines jeden Fantasyfans wird - nur eben nicht in diesem Buch. Ich finde es sehr schade, dass ein so talentierter und grandioser Schriftsteller zum Schluss hin noch so ausgelutscht wird...

"Toller Dampf voraus" wurde mir kosten- und bedingungslos von Manhattan zur Verfügung gestellt.

Kommentare:

  1. Hey Lena! Danke für deine ehrliche Review. Ich liebe Pratchett und habe wirklich ALLE Scheibenwelt Romane gelesen und fand sie allesamt grandios. Das dieses Werk hier nicht annähernd so gut sein würde, habe ich mir schon gedacht (wer kann schon mit dem guten Terry mithalten?!). Schade, dass es dann auch wirklich so ist. Ich weiß noch nicht, ob ich mir das Buch holen werde... Ich möchte die Geschichten so in Erinnerung behalten, wie sie wirklich gut waren. Was habe ich im Zug oft laut losgelacht, weil es einfach zu gut war ;-) Toll zu hören, dass du die Scheibenwelt auch so magst – sehr sympathisch :-D Liebste Grüße, Steffi

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    1. Oooh, noch ein Fan - wie schön! :)

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    2. Ich hätte ja gerne eine positivere Review geschrieben - aber dieses Buch ist wirklich nicht so gut, wie es sein sollte :/ Ich habe auch oft beim Lesen der älteren Bücher nicht nur schmunzeln, sondern durchaus auch lachen müssen - und das nicht nur ein Mal, sondern öfters. Und wenn man sich genau daran gewöhnt hat und das auch erwartet, ist dieses Buch einfach eine Enttäuschung :( Ich würde es nicht wirklich empfehlen - und wenn man sich mal die Meinungen auf Amazon z.B. ansieht, bin ich mit dieser Sicht leider nicht alleine :/ Also wenn du die Scheibenwelt so magst, wie sie war - dann lies das Buch nicht.

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  2. Es stimmt, es geht etwas hölzern los und zwischenzeitlich auch weiter. Ich glaube jedoch mittlerweile, dass dies auch arg den Übersetzern zuzuschreiben ist, denn im Englischen ist es weitaus besser und terrytypischer!

    Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf sein allerletztes Werk im September und werde es natürlich lieber im Original lesen. ;)

    LG Lotte

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    1. Ich habe schon vielfach gelesen, dass der Übersetzerwechsel durchaus auch "Schuld" an der Verschlechterung ist - allerdings sind auch die englischen Rezensionen durchaus sprachkritisch und der Verdacht wird laut, dass hier nicht Terry selbst geschrieben hat (was aufgrund seines Zustandes ja auch durchaus logisch wäre). Ich habe ja nichts dagegen, wenn jemand anders seine Werke fortführt - aber dann sollte man das auch entsprechend deutlich machen, sonst sind die Leser einfach noch mehr enttäuscht.

      Ich vermute mal, dass ich mir das letzte Buch auch noch geben werde - aber ich lese hier ja nicht alleine, darum gibt's immer die deutsche Version, außer ich weiß sicher, dass sich niemand für die Bücher interessiert ^^

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